Intuition in der Landschaftsplanung

Foto 1: Bewässerung

Grenzen gängiger Planung

Die Neuorientierung in der Landwirtschaftspolitik lässt auch die Planung überdenken und fragen, was bisher die Landschaftsplanung in der Schweiz geleistet hat. Sie ist nahezu unbekannt und wirkungslos geblieben, denn die Landschaft wurde nicht nach ihren Potentialen befragt und beplant, sondern nach dem Territorialprinzip aufgeteilt und der Nutzen maximiert. Jetzt stellt sich die Frage nach der Herleitung von Sollzuständen. Eine verbreitete Möglichkeit ist die Orientierung am sogenannten Naturzustand. Damit ist meistens der Zustand vor dem 19. Jahrhundert gemeint, als der menschliche Einfluss auf die Natur relativ geringfügig war. In der Schweiz wird der ökologische Ausgleich auch häufig mit einem ähnlichen Ansatz von BROGGI UND SCHLEGEL (1989) verbunden, der auf einer wenig intensiven Kulturlandschaft basiert, wie sie vor 30-50 Jahren üblich war.

Vielfach beinhalten die Konsequenzen aus diesen Ansätzen rein quantitative Ausscheidungen von Flächenprozenten. Für eine Sensibilisierung bezüglich der Probleme der Landschaft sind solche Ansätze wertvoll. Jedoch ist die Orientierung an der Vergangenheit als alleinige Grundlage für die Zukunft nicht ausreichend. Gemäss einer fortschrittlich ausgerichteten Auffassung von lebendiger Kulturlandschaft sollte das Ziel des ökologischen Ausgleichs im Sinne einer neuen Synthese von Naturschutz und Landwirtschaft (SCHWEIZERISCHE STIFTUNG FÜR LANDSCHAFTSSCHUTZ UND LANDSCHAFTSPFLEGE 1995) formuliert werden.

Die qualitativen Aspekte des ökologischen Ausgleichs werden heute hauptsächlich auf Artenebene behandelt. Voraussetzung dafür ist die Bestimmung von Leitarten, beispielsweise aufgrund von Roten Listen (z.B. LANDOLT 1991) oder sogenannten Blauen Listen (GIGON ET AL. 1996). Die Kenntnis der Lebensraumansprüche bedrohter Arten ermöglicht in Verbindung mit der Inseltheorie (MC ARTHUR & WILSON 1971) die Planung von Biotopverbundsystemen. Die einseitige Bevorzugung einiger weniger, gut bekannter Leitarten, deren Ansprüche an den Lebensraum sich zudem widersprechen können, schliesst in der Regel eine umfassende Sichtweise aus. Die verschiedenen Massnahmen auf Artenebene gehen nicht von der übergeordneten Ebene eines lebendigen Landschaftsbildes aus. Die konkrete Ausgestaltung der ökologischen Massnahmen bleibt der persönlichen Vorliebe des ausführenden Ingenieurs oder Ökologen überlassen. Diesem Mangel an landschaftsökologischer Nachvollziehbarkeit versuchen die landschaftsästhetischen Ansätze (vgl. z.B. KRAUSE, ADAM, SCHÄFER 1983) entgegenzuwirken. Sie reduzieren aber nach unserer Meinung den ganzheitlichen Aspekt weitgehend auf die "wissenschaftliche Beurteilung von geschmacklichen Fragen".

Auch der Einbezug von sogenannt "betroffenen Menschen" stellt für die herkömmlichen Planungsmethoden ein Problem dar, obwohl das Raumplanungsgesetz (RPG Art. 4) ihre Mitwirkung vorsieht. Viele Planungen scheitern letztlich trotz genialer Ideen und wissenschaftlich unanfechtbarem Vorgehen an ihrer Realisierung. Weil die Betroffenen sich nicht mit dem Planungsprozess identifizieren können, stossen die vorgeschlagenen Massnahmen auf Akzeptanzprobleme. Dass der Einbezug von Betroffenen zu kreativen und nachhaltigen Wandlungsprozessen einer ganzen Region führen kann, wird weiter unten erläutert. Allerdings müssen die Menschen in ihren Anliegen ernst genommen werden und mit der Natur gleichberechtigt sein.

Das Dilemma der traditionellen Wissenschaft in der Landschaftsplanung

Den bisher erwähnten Ansätzen ist eines gemeinsam: Sie gehen von einem Grundverständnis von Planung aus, bei welchem angenommen wird, dass sich jeder angestrebte Zielzustand einer Landschaft gemäss den planerischen Vorstellungen auch erreichen lässt. Der Planer rückt in die Rolle eines Vollstreckers; die Landschaft als Objekt der Planung wird zu einem passiven und in nahezu beliebiger Art formbaren Gegenstand. Eine solche Position wird seit einiger Zeit in Frage gestellt (z.B. ABT 1989). Ein Grund liegt in besonderen Qualitäten, die natürlichen Umweltsystemen zugeschrieben wird (vgl. LANDESANSTALT FÜR UMWELTSCHUTZ BADEN-WÜRTEMBERG 1984, 1987). Eine Landschaft kann man als ein typisches Beispiel für ein nichtlineares, hochgradig vernetztes, durch komplexe Rückkoppelungs- und Wechselwirkungen bestimmtes System begreifen, welches durch physikalische, biochemische und soziokulturelle Einflüsse und Kräfte bestimmt wird. Damit besitzt eine Landschaft einen viel komplexeren Charakter als komplizierte physikalische Systeme, bei denen sich zukünftige Zustände gar nicht oder nur in komplexen Funktionsgefügen voraussagen lassen.

Im Bereich Landschafts- und Raumplanung ist also von zwei Prämissen auszugehen, nämlich

  • es ist nicht alles planbar (im Sinne von vorhersehbar) und
  • um zu einer realistischen Planung zu kommen, sind den Eigenheiten und Dynamiken des zu planenden Raumsystems in angemessener Weise Rechnung zu tragen.

Die Prämissen verlangen ein neues, beziehungsweise vertieftes Verständnis von Landschaftsplanung, mit neuen Methoden und neuen wissenschaftlichen Konzepten, die helfen, die eingangs angesprochene und nun offensichtlich werdende Orientierungslosigkeit der traditionellen Landschaftsplanung zu bewältigen. Eine wichtige Aufgabe dürfte darin bestehen, "spontane Äusserungen einer Landschaft" zu erkennen, um die (Eigen-) Dynamiken des betrachteten Landschaftssystems zu begreifen und ein Verständnis für die in einem System wirkenden Kräfte zu entwickeln.

Die Landschaftsplanung erscheint uns geradezu als Paradigma für die vielfach verlangte Erweiterung und Neuorientierung in der Wissenschaft, insbesondere der Integration unterschiedlicher Qualitäten von Wissen (GIBBONS ET AL. 1994, SCHOLZ ET AL. 1995, SCHOLZ 1996). Das heisst in erster Linie, dass man sich gleichzeitig als betrachtender, "objektiver" Planer und als mit dem Untersuchungsgegenstand verbundenes Subjekt verstehen sollte. Diese Haltung ermöglicht die Einbindung traditioneller Wissenschaftlichkeit in eine ganzheitliche Auffassung von Wirklichkeit. Gemäss unserer Annahme folgt daraus eine Eigendynamik zwischen Planungsgegenstand und Gestaltungsprozess. Das bedeutet für die Arbeit, dass sich echte Kreativität erst durch die Anerkennung eines landschaftlichen Eigenlebens entfalten kann. Ignoriert man dieses kreative Potential, verkommt die Landschaftsplanung zum reinen Flächenspiel (vgl. EWALD 1978; S. 272ff). Statt der Suche echter Neuerungen werden lediglich Flächen gemäss einer momentanen Interessenslage umverteilt und verschoben.